Engagementpreis NRW

Zwischen Kletterbaum und Wohlfühlinsel: Natur bringt Kinder und Familien ins Gleichgewicht

Engagement des Monats Juli 2015

Das Faba-Naturprojekt ist ein ehrenamtliches Unterstützungs- und Präventionsangebot für Gütersloher Kinder im Grundschulalter, in deren Familien eine Belastung durch eine Sucht- und/oder psychische Erkrankung besteht. Das Projekt verbindet soziales mit naturkundlichem Engagement. Hier lernen Kinder nicht nur sich selbst besser kennen, sondern auch die jahreszeitliche Vielfalt von Natur und Garten.

Bienen summen, Vögel zwitschern, Blumen blühen: den 8.000 Quadratmeter großen Nutz- und Naturgarten im Gütersloher Stadtteil Isselhorst unterscheidet auf den ersten Blick nichts von einem normalen Garten. Und auch den dort werkelnden Kindern sieht man selbstverständlich nicht an, dass sie Teil eines naturnahen Empowerment-Programms sind. Dennoch sind Rainer Bethlehem, Mitinitiator des Projekts »Familien in Balance« (Faba), die schwierigen familiären Rahmenbedingungen der anwesenden Kinder wohl bewusst, waren sie doch 2006 der Grund, das Projekt ins Leben zu rufen.

Seinerzeit wuchs in Rainer Bethlehem der Wunsch, Kindern zu helfen, in deren Familien eine Belastung durch eine Sucht- und/oder psychische Erkrankung besteht. Aus seinen langjährigen beruflichen Erfahrungen in der klinischen psychiatrischen Pflege weiß der Experte, wie wichtig Natur für die positive Entwicklung und Stärkung des seelischen Gleichgewichtes der Kinder aus solchen Familien sein kann.

Das Faba-Projekt knüpft an dieses auch wissenschaftlich belegte Wissen an, indem es dem Lern- und Erfahrungsort Natur ein besonderes Potential bei der individuellen Entwicklungs- und Gesundheitsförderung und bei der Stärkung gesundheitlicher Ressourcen zuschreibt. Und da die Eheleute Bethlehem zudem über ein eigenes, biologisch bewirtschaftetes Streuobstwiesen- und Gartengelände mit altem Baumbestand verfügten, lag es nahe, die Pflege dieses Naturraums und ihre berufliche Passion zum Wohle der Kinder zu verbinden.

Die teilnehmenden Familien erfahren in der Regel über verschiedene soziale Dienste in der Region von dem Angebot. Träger des vor Ort bestens vernetzten und verankerten Projektes ist der Kreisverband Gütersloh des Deutschen Kinderschutzbundes. Zu Beginn findet ein Erstgespräch statt, um die Eltern über das Programm zu informieren und umgekehrt wichtige Aspekte der familiären Situation zu erfragen. Acht Kinder im Alter zwischen 8 und 11 Jahren nehmen anschließend an dem Präventionsmodell teil, das an zwölf Nachmittagen im Zeitraum von März bis Oktober durchgeführt wird.

Ehrenamtliche Mentoren übernehmen den Transport der Kinder zum Projektgelände und zurück in die Elternhäuser, ehrenamtliche Gruppenleiter der Suchtselbsthilfe bieten Gesprächsangebote für Eltern an. Insgesamt würden über 80% des Projekts ehrenamtlich durchgeführt, erläutert Rainer Bethlehem im Gespräch. Den Abschluss bildet das alljährliche Erntefest, zu dem auch alle ehemaligen Familien eingeladen werden. Seit dem Start des Projekts konnten bereits Kinder aus über 60 betroffenen Gütersloher Familien erreicht werden.

Im Projekt lernen die Kinder nicht nur die überwältigende Flora und Fauna des Gartens kennen (neben zahlreichen Tieren sind allein über 60 heimische Baum- und Straucharten auf dem Gelände zu finden); sie machen auch vorher nicht gekannte Erfahrungen von Selbstwirksamkeit.

Und wie sehen die Kinder das Projekt? Sie genießen das ungewohnte Naturerleben und das gemeinsame Tun: »Man beschäftigt sich mit der Natur, findet Freunde, man hat Spaß. Mein Lieblingsplatz ist der Kletterbaum. Nach den Aktionen fühle ich mich entlastet und stressfreier. Besonders gut gefällt mir, dass wir viel zusammen machen, über alles reden können, viel unternehmen«. Und auch die Eltern lernen sich und ihre Kinder neu kennen: »Faba ist ein Projekt, wo die Kinder neuen Mut kriegen, Stärke und Selbstbewusstsein bekommen, sich einfach wieder wohler fühlen. Nach vielen negativen Erfahrungen merken sie, es kann im Leben auch bergauf gehen, es ist nicht nur alles schlecht, was ich erlebe«.