Vom Ort der 100.000 Apfelbäume

Abschlussbericht der in 2013 durchgeführten Projektevaluation

Die Evaluation wurde 2013 von der Gesundheitswissenschaftlerin Dr. Kordula Marzinzik durchgeführt. Bei Interesse können Sie den Bericht beim Deutschen Kinderschutzbund Kreisverband Gütersloh e.V. gegen eine Schutzgebühr von € 2,50 + Porto beziehen.

Auszug Inhalt:

Einleitung
1. Bedarf der Zielgruppe und Möglichkeiten der Prävention
2. Zielsetzung und zentrale Elemente des FABA-Naturprojektes
3. Zielsetzung und Methodik der Evaluation
4. Auswertung der Projektdokumentation
5. Ergebnisse der Kinderinterviews
6. Ergebnisse der Elterninterviews
7. Resümee

Autoren:
Dr. Kordula Marzinzik
Rainer & Renate Bethlehem

Auszug:

In der Erstbefragung berichtet Joshua, dass er oft Bauchschmerzen habe und manchmal Angst, „dass man mich klaut oder bei uns einbricht.“ Über seine Familie erzählt er: „Wir backen zusammen Kuchen und sehen fern. Wenn ich mich mit meinem Bruder streite, fängt der sofort an mich zu schlagen. Meine Geschwister sind manchmal zu laut, dann kann ich nicht gut schlafen.“ Er wünscht sich mehr Freunde und „es soll öfter jemand mit mir spielen, z.B. Lego.“ In der Schule hat er kein Lieblingsfach und berichtet von Schwächen und dass er jetzt die Schule wechseln muss, „weil die auf der neuen Schule ein besseres Förderprogramm haben. Mal gucken wie das ist.“ Sehr wichtig ist ihm „der Schulgarten. Ich hab da nämlich mein eigenes Beet und wir haben keinen Balkon. Da räum ich dann auf, fege und ziehe Unkraut.“

Sein erster Eindruck von Faba: Er malt zwei Smileys. „Mir gefällt besonders das Schnitzen und die Nester. Ich freu mich schon, was wir das nächste Mal machen.“ Die Zweitbefragung zeigt insgesamt deutlich höhere Werte als die Erstbefragung, besonders in der Schule hat sich der Wert geändert nach dem Schulwechsel. Einzige Ausnahme ist der Bereich Freunde, aber das hat sicher auch mit dem Schulwechsel zu tun. Nach wie vor sagt Joshua über sich: „Ich hab oft das Gefühl, anders zu sein als die anderen, weil ich der leiseste in der Schule bin.“

Das Team über Joshua
Er ist mit allem schnell, wirkt manchmal etwas ungeduldig. Findet die Angebote gut und lässt sich beim ersten Treffen schon von Rainer auf den Schultern tragen. Er wählt sich auch für den Rest der Zeit Rainer als Bezugsperson. Er ist sehr geschickt, zeigt einen guten Umgang mit Werkzeug, lebt auf beim Arbeiten mit Filz. Er ist ein ruhiger Arbeitstyp, kann sich gut auf alles einlassen, versucht immer, sehr schnell zu sein. Beim Umpflanzen will er zunächst nicht die Erde berühren. Erklärungen, wie viel Leben in einer Hand voll Erde ist, scheinen ihn imponiert zu haben, anschließend packt er mit beiden Händen zu. Bei anfänglicher Unsicherheit – „ich kann das nicht“ z.B. beim Flechten – hilft ihm intensive Anleitung und Begleitung. Er ist sprunghaft, aber im engen Kontakt gut zu begleiten. Er sucht körperliche Nähe, setzt sich z.B. bei Rainer auf den Schoß. Er ist pfiffig und spitzfindig, humorvoll. Am liebsten möchte er immer von allem – Lebensmittel, Pflanzen – viel mit nach Hause nehmen. Er ist sehr ernsthaft dabei, wenn es ums Arbeiten geht, wirkt sonst etwas fahrig und sprunghaft, sucht immer wieder stark den Kontakt zu Rainer.

Die Eltern über Joshua
Bei Joshua wird deutlich, dass ihm bereits vor dem Faba-Projekt der Kontakt zum Garten wichtig war, dies wird durch die Erzählung seiner Eltern bestätigt. „Ich denke, er wird ziemlich traurig sein, wenn das hier zu Ende ist. Das ist sein Ding hier, überhaupt
im Garten was zu tun, was herzustellen und die Resultate zu sehen, das macht er zu Hause auch, wenn er sich dann in den Garten setzt und anfängt, Unkraut zu ziehen oder sich um die Blumen kümmert.“ Während das Team von der starken Bezugnahme auf Rainer berichtet, erzählen seine Eltern von den Veränderungen, die sie zu Hause bei ihm erleben: „Durch Faba ist er auf jeden Fall offener geworden und vorlauter. Er war früher sehr zurückhaltend und seit das Programm läuft, hat er mehr den Mut, dass er auch sagt, was er denkt. Auch wenn’s manchmal nicht passend ist, aber er lernt es halt, dafür ist er hier, dafür lernen wir das zu Hause. Er macht nicht mehr alles mit sich selber aus wie vorher. Vorher hat er alles in sich hinein gefressen, seinen Mund uns gegenüber nicht aufgemacht, das macht er mittlerweile. Das liegt auch daran, dass er sich hier wirklich entfalten kann, dass er das tun kann, wozu er Lust hat, dass er diese Freiheiten hier hat, nicht so wirklich wie ein Kind behandelt wird, dass er hier auch mal mit einer größeren Schere umgehen darf, ohne dass da einer hinter ihm steht und sagt: Pass mal auf hier.“

Der Interviewauszug zeigt, dass die Eltern Joshuas verändertes Verhalten auf die Freiheit und das Zutrauen, dass den Kindern bei Faba entgegengebracht wird, zurückführen. Dies und das folgende Zitat zeigen außerdem die Auswirkungen von Faba auf das Familiensystem, denn die Mutter beschreibt die Veränderung als einen gemeinsamen Prozess („Dafür ist er hier, dafür lernen wir das zu Hause.“).

Familie und Schule:
„Es ist leichter mit dem Kind umzugehen, weil Joshua jetzt offener ist, und dass er auch mal merkt, ich muss mal lernen, mich auch um mich selbst zu kümmern und nicht nur um meine Geschwister, meine Eltern oder sonst wen, sondern dies Bewusstsein für sich selbst zu haben. Das macht es einfacher zu Hause. (...) Selbst in der Schule hat man gemerkt, er wird offener, er sagt den Lehrern wirklich die Meinung und dementsprechend bin ich auch schon mal mit Lehrern zusammen gekracht.“
Joshua selbst bestätigt diese Einschätzung in seiner Abschlussbewertung und führt seine Veränderung auf die vielen Aktivitäten zurück. Eindrücklich zeigt er außerdem die bereits beschriebene Spannung zwischen großer Freiheit „überall“ und der engen Beziehung, die er eingegangen ist „und bei Rainer“: Joshua über Faba „Hier kann man alles Mögliche machen, es gibt 100.000 Apfelbäume. Anfangs war ich schüchtern, später nicht mehr, weil die so viele Sachen hier machen. Mein Lieblingsplatz ist überall und bei Rainer. Die Aktionen hier machen Spaß und hinterher geht’s mir gut.“